Ist Langzeitstillen unnatürlich? – Wie lange soll man stillen?

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Heutzutage kann man sich schon als Langzeitstillende bezeichnen, wenn man länger als ein halbes Jahr stillt. Alles was über 8 oder 9 Monate hinaus geht, ist für viele Menschen schon komisch und irgendwie „unnormal“.

Ich stille seit 10 Monaten und ernte immer wieder entsetzte Blicke. So als ob ich etwas verbrochen hätte. Wie müssen sich dann nur Frauen fühlen, deren Kinder 1 oder 1,5 Jahre alt sind? Mich wundert es nicht, dass ich bisher nur von solchen Frauen gelesen hab aber noch nie eine, stillend in der Öffentlichkeit gesehen hab. Höchstwahrscheinlich liegt es an diesen negativen Kommentaren und der Intoleranz Vieler, dass viele Kleinkinder zuhause gestillt werden.

Allein schon der Begriff „Langzeitstillen“ ist negativ behaftet. Es klingt so, als wäre es „normal“ viel kürzer zu Stillen. Aber dem ist nicht so. Nur weil längeres Stillen in den westlichen Industrieländern nicht mehr verbreitet ist, wird es hier als unnormal bzw. unnatürlich angesehen.

„Stillst du immer noch?“ eine Frage die ich oft zu hören bekomme. Meistens gebe ich dann nur ein genervtes „Klar, warum denn nicht?“ zurück. Vor kurzen habe ich ein paar tolle provokative Antwortvorschläge auf solche Fragen gefunden und musste herzhaft lachen.

„Ja, denn Bier oder Kaffee mag er noch nicht, habe ich schon versucht!“

„Ja klar, aber wenn er das Abitur hat, müssen wir wohl langsam mal ans Abstillen denken.“

Vielleicht sollte ich es beim nächsten Mal so antworten. Lustig wäre es auf jedenfall.  🙂

In unserer Gesellschaft ist es leider so, dass Mütter, die ein 9 – 12 Monate altes Kind noch stillen, schon die große Ausnahme sind und die entsprechenden negativen Erfahrungen mit ihrem Umfeld machen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es nur eine einzige Mama, die ebenfalls noch stillt. Alle anderen haben schon nach 5 – 6 Monaten wieder abgestillt.

Was spricht für langes Stillen?

Auch nach der Einführung von Beikost sind gestillte Kinder besser mit Nährstoffen und Kalorien versorgt.

Kinder im 2. Lebensjahr decken ihren Energiebedarf zu 31 % durch Muttermilch. Stillkinder im Alter von 13 – 18 Monaten erhalten bei gleicher Nahrungsmenge 25 % mehr Energie als nicht gestillte. Ältere gestillte Kinder erhalten dadurch 17 % mehr Energie.

Kinder decken im 2. Lebensjahr aus Muttermilch ihren Eiweißbedarf zu 38%

und ihren Vitamin- und Mineralienbedarf wie folgt:

Vitamin A zu 100 %, Vitamin C zu 95 %, Niacin zu 41 %, Riboflavin zu 21 %,

Folsäure zu 26 %, Kalium zu 44 %, Eisen zu 50 %.

Die Vitamin C-Konzentration der Muttermilch für ein Kind gegen Ende des 1. Lebensjahres ist 3,3 mal höher als im Blutplasma seiner Mutter. Selbst wenn die Mutter erniedrigte Vitamin-C-Werte hat, wird es in der Milch 6 – 12 fach angereichert. Stillkinder erhalten so höhere Konzentrationen an Vitamin C als Kinder, die mit Vitamin-C-angereicherter künstlicher Babynahrung, Gemüse und Früchten ernährt werden. *

Muttermilch schützt vor Krankheitserregern

Die Muttermilch enthält im 2. Jahr des Stillens ein höheres Maß an bestimmten Antikörpern, so erreicht sie teilweise eine ähnlich hohe Konzentration der Abwehrstoffe wie das Kolostrum unmittelbar nach der Geburt.

Die Mutter produziert auch weiterhin Antikörper gegen die Krankheitserreger, mit denen sie konfrontiert wird, und schützt dadurch ihr Kind indirekt über die Milch, solange sie stillt. Kinder, die jahrelang gestillt werden, sind bedeutend seltener krank.

Bei akuten Erkrankungen, wie z.B. Brechdurchfall, verweigern Kleinkinder meist jegliche Nahrung außer der Muttermilch, sie nehmen dadurch dann deutlich weniger an Gewicht ab und müssen kaum wegen Austrocknung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Bei nicht mehr gestillten Kleinkindern ist dies leider anders.

Kurz oder gar nicht gestillte Kinder haben ein erhöhtes Risiko für viele Krankheiten

  • Kinder, die weniger als 6 Monate gestillt wurden, haben häufiger Allergien (36%) als die, die 6 Monate oder länger gestillt wurden (5%). (Strimas JH, Chi OS, 1988)
  • Mittelohrentzündungen
  • Stillen von weniger als 6 Monate erhöht die Häufigkeit von Mittelohrentzündung auf das Drei- bis Fünffache bis zum Alter von 27 Monaten. (Teei, DW, Klein, JO, Rosner, B, 1980)
  • Wenn Kinder 12 Monate oder länger gestillt wurden, ist die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Multiple Sklerose nur etwa die Hälfte von der zu nicht gestillten Kindern
  • Je kürzer ein Kind gestillt wurde, desto größer ist sein Risiko später an Übergewicht zu leiden (Von Kries, R, Koletzko, B, et al 1999) *

Gesunde Kinder haben bis zum Alter von 4 – 6 Jahren ihren Sauginstinkt. Daher findet es auch hier bei uns kaum jemand unnormal, wenn ein Kleinkind, das älter als 6 Monate ist, oder sogar ein drei- oder vierjähriges Kind noch regelmäßig einen Schnuller bekommt.

Wenn also für uns Menschen eine Stilldauer von 4 – 6 Monaten natürlich wäre, dann hätte die Natur es auch so eingerichtet, dass nach dieser Zeit die Milch weniger wird und der Sauginstinkt verschwindet.

Was spricht gegen langes Stillen?

Im Grunde spricht nichts wirklich gegen eine lange Stillzeit. Die meisten Argumente dagegen sind, meiner Meinung nach Vorurteile, die auf Unwissen beruhen.

Durch das Stillen bin ich natürlich für meinen Sohn unersetzbarer, d.h. ohne mich geht gar nichts oder nur schwer. Mal Abends weggehen gestaltet sich schwierig oder mal übers Wochenende wegfahren ist nicht drin. Von Alkohol trinken ganz zu schweigen.

Aber ich muss gestehen, dass ich gar kein Bedürfnis danach habe, um die Häuser zu ziehen. Ich verbringe gerne Zeit mit meinem Sohn und kann daher nicht sagen, dass ich etwas vermisse.

Bei meiner Ernährung musste ich mich auch nicht einschränken. Es gibt den weit verbreiteten Glauben, dass man auf viele Lebensmittel verzichten müsse. Denn Kohl und Co. würden angeblich zu Blähungen führen und Zitrusfrüchte zu einem wunden Po. Das ist totaler Quatsch! Während der gesamten Schwangerschaft, hat euer Baby genau das Gleiche gegessen wie ihr. Warum also soll dann plötzlich nach der Geburt, alles anders sein?

Wie lange stillt ihr? Was sind eure Erfahrungen?

Alles Liebe,

eure Claudi

 

 

*Stillkinder.de

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