Werden Kinder zu „Mimosen“ wenn wir sie trösten?

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Warum verlangen wir von unseren Kindern, ihren Schmerz runterzuschlucken und „sich nicht so anzustellen“? Kinder werden heute immer noch öfters abgelenkt als getröstet und traurige Gefühle werden häufig verharmlost und nicht ernst genommen. Niemand möchte doch mit seinen Gefühlen alleingelassen werden. Warum werden solche Aussagen heute immer noch verwendet und was macht das mit unseren Kindern?

Letztens beim Besuch unserer Freunde. Tom ist ein kleiner Wirbelwind. Er ist neugierig und mit seinen 10 Monaten kaum zu bremsen. Seit kurzem hat er mit dem Laufen begonnen und ist voller Begeisterung dabei alles zu entdecken. Tom sieht uns aus dem Küchenfenster mit dem Auto in die Einfahrt einbiegen und schon ist er freudestrahlend auf dem Weg zu uns, um uns zu begrüßen. Seine Schritte sind noch etwas wackelig und so stolpert er und fällt auf den Asphalt. Ich gehe in die Hocke und beuge mich zu ihm und sage: „Hoppla! Du bist ja schon flott unterwegs. Hast du dir wehgetan? Noch bevor er mir antworten kann, höre ich seine Mama rufen: „Nein alles gut, es ist doch gar nichts passiert. Komm steh auf Tom, dann gehen wir rein und du bekommst einen Bonbon von mir“.

Dies ist nur eines von unzähligen Beispielen, die mir in unserem Alltag begegnet sind. Die unerwünschten Kommentare von Eltern, Großeltern oder auch häufig von Fremden, die aufgeschürfte Knie oder blaue Flecken verharmlosen oder sogar ignorieren, sind unsere ständigen Begleiter. Sätze wie: „Tu doch nicht immer gleich so!“ oder „Das war doch nicht so schlimm!“ reihen sich aneinander.

Genervt von diesen Aussagen begann ich zu recherchieren, warum Erwachsene auf diese Art reagieren. Weshalb werden Kinder nicht getröstet, sondern eher abgelenkt oder die Situation verharmlost?

Den Schmerz ernst nehmen heißt nicht, dass man ihn überbewertet.

Die Wurzeln liegen in der Vergangenheit

Aber woher kommt der strenge Umgang und diese Härte in der Kindererziehung? Ein Blick auf die erfolgreichen Erziehungsratgeber der Vergangenheit, führt zu der Lungenfachärztin und fünffachen Mutter, Dr. Johanna Haarer. 1934 erschien ihr Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Nach dem Krieg wurde das NS-Vokabular aus ihren Texten entfernt und bis 1987 wurde ihr Ratgeber in dieser leicht überarbeiteten Version aufgelegt. Bis heute zählt es mit 1,2 Millionen verkauften Exemplaren zu einem der am meisten gelesenen Erziehungsbücher Deutschlands. Wichtig zu erwähnen ist, dass sie weder eine pädagogische noch psychologische Ausbildung besaß!

In ihrem Buch warnt sie davor, Kinder bloß nicht zu „verzärteln“: „Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. […] Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Wie kann man nur so etwas herzloses schreiben und das dann als Ratgeber für frischgebackene Eltern verkaufen? Es macht mich wütend und lässt mir Tränen in die Augen steigen.

Ihre „Erziehungstipps“ klingen für die Ohren einer liebenden Mutter einfach nur schrecklich und gefühlskalt. Sie spricht über Kinder als wären sie Maschinen, für die man eine Anleitung benötigt und die einem nur das Leben schwer machen wollen und nicht, dass sie sensible, liebesbedürftige kleine Wesen sind.

Die Strenge ist bis heute geblieben

Wie tief verankert einige der Aussagen, auch heute noch sind, wird klar, wenn man bedenkt, wie oft junge Eltern vor dem „Verwöhnen“ ihrer Babys gewarnt werden.

Wie oft habe ich mir anhören müssen: „Lass ihn ruhig mal weinen“ oder „Trag ihn nicht so viel in der Trage herum, er gewöhnt sich nur dran und dann hast du später ein Problem“. „Lass ihn nicht bei dir mit im Bett bzw. Beistellbett schlafen, er muss lernen allein zu schlafen“.

Solche Sätze ziehen sich hartnäckig durch alle Generationen. Bis heute sind sie immer noch bei vielen Eltern täglich in Gebrauch, aber das ihr Ursprung in der NS-Zeit liegt, wissen die Wenigsten.

Viele Menschen, die mittlerweile selbst Eltern sind, wuchsen mit Formulierungen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Stell dich mal nicht so an“ oder „Du willst auch immer eine extra Einladung haben“, auf. So auch bei mir. Oftmals war es so, dass meine Gefühle von meinen Eltern entweder nicht ernst oder gar nicht wahrgenommen wurden. Meistens wurde sofort für Ablenkung gesorgt.

Es ist schwer, Sprachmuster, die so verinnerlicht wurden, loszulassen. Der erste Schritt ist, sie in der Kommunikation mit den eigenen Kindern zu erkennen. Gerade in Stresssituationen gelingt es oft nicht, das erlernte Verhalten tatsächlich zu ändern. Daher ist es wichtig, sein eigenes Verhalten immer wieder zu hinterfragen, um beim nächsten Mal richtig zu reagieren. Unsere Kleinen werden es uns danken.

Und was jetzt?

Wir als Eltern müssen uns mit diesem Thema beschäftigen, um unsere Kinder liebevoll und aufmerksam zu begleiten. Wenn wir ihren Schmerz wahrnehmen und ihnen dabei helfen, ihn einzuordnen, fühlen sie sich geborgen und geliebt.

Kleine Kinder leben im Moment, im Hier und Jetzt. Sie wissen noch nicht, dass Schmerzen auch wieder vergehen. Deshalb brauchen sie besondere Unterstützung im Umgang mit ihren Gefühlen. Gefühlsausbrüche werden dadurch nicht weniger, wenn man sie verharmlost! Ganz im Gegenteil: Es ist wichtig, Kindern die richtigen Worte zu geben und sie bei Schmerzen zu begleiten. Dadurch lernen sie ihre Gefühle erst so richtig kennen und können mit ihnen später auch allein umgehen.

Wenn wir uns als Eltern von den alten Denkmustern und vermeintlich gutgemeinten Ratschlägen distanzieren, werden unsere Kinder ganz offensichtlich davon profitieren und zu selbstbewussten kleinen Wesen heranwachsen, die sich geliebt und geborgen fühlen.

Ich jedenfalls, werde weiterhin mit meinem ganzen Herzen, meinem Sohn beiseite stehen, ihn trösten und seine Gefühle ernstnehmen, weil ich weiß, dass es der richtige Weg ist.

Wie tröstet ihr?

Seid ihr der selben Meinung wie ich?

Ich freue mich auf eure Kommentare 🙂

Alles Liebe,

eure Claudi

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