„Du stillst immer noch?“ – Mein Erfahrungsbericht

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Sonntagmittag. Wir sind zum Kaffee und Kuchen bei meiner Familie eingeladen. Der Duft von frischgebrühten Kaffee durchströmt das Wohnzimmer. Wir sitzen alle zusammen am Tisch und lassen uns den leckeren Apfelkuchen schmecken. Mein Sohn hat es sich auf meinem Schoß bequem gemacht und schaut ganz neugierig umher. Da höre ich auch schon von meiner Tante: „Den Kleinen stillst du aber jetzt nicht mehr oder? Dafür ist er doch schon zu alt.“ Ich nur: „Doch natürlich stille ich ihn noch!“ und „Ich werde ihn so schnell auch nicht abstillen, wir machen das solange wie wir beide dazu Lust haben“.

Kaum hatte ich meinen Satz beendet, schon drehte sich der Rest der Familie in meine Richtung um. Alle schauten mich total entsetzt an, so als hätte ich irgendwas verbrochen. Da meinte meine Mutter: „Du wieder! Übertreib es doch nicht mit dem Stillen, dass ist doch nicht gut. Nimm dir ein Beispiel an deiner Cousine, sie hat auch nach 6 Monaten damit aufgehört.“

Da ist es schon wieder. Das leidige Thema mit dem Stillen. Es gibt keinen Besuch ohne das mir wieder vorgehalten wird, dass ich doch endlich abstillen soll.

Kennt ihr das?

Ist euch auch schon mal eine ähnliche Situation passiert?

Das ist eine von unzähligen Situationen, die ich seit dem mein Sohn auf der Welt ist, erlebt habe. 6 Monate stillen ist demnach in Ordnung aber länger nicht. Immer wieder diese leidigen Diskussionen. Das einmischen und besser Wissen von anderen. Es nervt!

Nicht nur innerhalb meiner Familie habe ich solche Reaktionen auf das Stillen erfahren. Sogar Freunde und Bekannte waren eher irritiert als erfreut.

Warum hat das Stillen so ein negatives Image?

Es kommt mir so vor, als ob es in unserer Gesellschaft eine inoffizielle Grenze gäbe, die man nicht überschreiten sollte, um als „normal“ zu gelten. In den ersten paar Monaten zu stillen, ist für die meisten Menschen in Ordnung. Aber alles, was darüber hinaus geht, ist für viele ein „No Go“. Dabei wissen wir doch alle, dass Muttermilch die gesündeste Ernährung für ein Baby ist.

Das Stillen hat für Mutter und Kind so viele Vorteile. Es ist mehr als nur reine Nahrungsaufnahme. Stillen ist eine super Einschlafhilfe. Es schenkt Nähe und Geborgenheit, beruhigt und schützt zudem vor Krankheiten (Allergien..) uvm.

Also warum soll ich das so schnell aufgeben?

Weder mein Sohn noch ich haben es eilig mit dem Abstillen. Die Situation ist für uns beide super, so wie sie ist. Es störte mich nicht, jede Nacht neben ihm zu liegen und ihn stillend in den Schlaf zu begleiten – im Gegenteil, ich genieße es sehr. Auch habe ich nicht das Bedürfnis, spät abends noch ins Kino zu gehen oder um die Häuser zu ziehen. Mir ist bewusst, wie schnell diese wertvolle Zeit vergeht und wie kurz sie sich rückblickend wohl anfühlen würde.

Ich kenne die Empfehlung der WHO, die Stillen bis zum zweiten Lebensjahr und darüber hinaus empfiehlt, sofern Mutter und Kind das wünschen. Und nein, diese Empfehlung bezieht sich nicht auf Dritte-Welt-Länder mit schlechter Gesundheitsversorgung. Die gesundheitlichen Vorteile von Muttermilch sind international dieselben. Trotzdem lassen mich die ungebetenen und größtenteils auch uninformierten Meinungen anderer nicht kalt.

Nach mittlerweile 9 Monaten des Stillens, habe ich gelernt, die Meinung anderer zu ignorieren. Das Wichtigste für mich ist, dass wir uns wohl fühlen. Solange dem so ist, werde ich weiter stillen, bis mein Sohn keine Lust mehr hat.

Lasst euch nicht von anderen vorschreiben, wie ihr euch verhalten sollt. Vor allem lasst euch nicht verunsichern.

Es gibt keinen besseren Weg, die gemeinsame Stillbeziehung zu beenden, als die Entscheidung voll und ganz dem Kind zu überlassen. Wir genießen diese schöne und besondere Zeit. Das ist unser Weg.

Und wisst ihr, was das Schöne ist? Es geht niemanden etwas an. Es ist allein eure Entscheidung!

Alles Liebe,

eure Claudi

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